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Heile Welt mit Rissen

Dem Sauerland wird ja schon gerne mal nachgesagt, dass hier fernab der angesagten Ballungszentren und Metropolen wenig los ist und mehr Fichten stehen, als Einwohner zu zählen sind. Wir haben das meist mit den Argumenten der tollen Natur: „Wir leben da, wo andere Urlaub machen“ und der angeblich noch „heilen“ Welt, was jeder darunter für sich auch verstanden haben mag, lässig weggelächelt.

Doch schon seit dem letzten Sommer bekommt dieses Bild zunehmend Risse, der sonst so verpönte Landregen blieb mal wieder aus, die Talsperren dadurch so leer, dass die Ufer breiter waren als die Seen und dann, wegen der Trockenheit, auch noch die verdammten Borkenkäfer, die zusammen mit den Stürmen breite Schneisen in die Wälder und manches sauerländer Herz geschlagen haben. Und zum Schluß auch noch der Winter, der keiner war, was Urlauber und die Tourismusbetriebe gleichermaßen gefrustet haben dürfte.

Nicht nur wegen Greta und Fridays for future wurde somit schon dem ein oder anderen klar, dass hier etwas dabei ist, unserer heiles Sauerland deutlich zu verändern. Und dieses etwas sind letztlich wir selbst und während wir uns alle noch Gedanken machten, was wir im neuen Jahr denn alles anders machen könnten, um Umwelt und Klima zu retten, schlug die Natur schon wieder und in einer Form zu, wie es noch kein Sauerländer erlebt oder auch für möglich gehalten hat.

Das sich eine Krankheit vom Tier auf den Menschen übertragen kann, insbesondere wenn der Tiere verspeist, die eigentlich nicht auf die Speisekarte gehören, ist seit SARS und Ebola nicht neu. Das alles fand für uns vorm heimischen Fernseher aber gefühlt weit, weit weg in einer fast anderen Welt statt. Aber unsere globalisierte Wirtschaft und der Massentourismus haben eben nicht nur Vorteile, sondern sorgen auch dafür, dass wir uns selbst im Sauerland diesbezüglich nicht sicherer als anderswo fühlen können und dürfen.

Es ist zum jetzigen Zeitpunkt müßig darüber zu diskutieren, ob Sauerländer, die auf Geschäftsreise oder im Winterurlaub waren, oder Gäste, die uns besucht haben, den Virus eingeschleppt haben, beides wird vermutlich der Fall sein. Das einzige, was jetzt nicht nur alle Sauerländer machen müssen, ist die Verhaltensregeln der Experten in Sachen Hygiene und persönlicher Kontakte einzuhalten sowie Ruhe zu bewahren, und sich nicht in den Geschäften um die letzte Rolle Klopapier oder Dose Ravioli zu „schlagen“.

Dabei sollte man Ruhe bewahren nicht damit verwechseln, dass Ganze auf die leichte Schulter zu nehmen. Wir sollten uns nicht dabei erwischen, dass insbesondere die schrecklichen Bilder aus Italien oder die hohen Infektionszahlen im Kreis Heinsberg mal wieder weit weg für uns sind. Nein, der Virus ist auch bei uns und die täglich veröffentlichen Zahlen für den Hochsauerlandkreis müssen uns darin bestärken, jetzt wirklich alles zu tun, besser gesagt zu unterlassen, was die weitere Ausbreitung begünstigen würde. Die per 21. März vermeldeten 116 bestätigten Infektionsfälle mögen sich noch überschaubar anhören, sind sie aber nicht. Die nachfolgende Grafik zeigt, wie rasant es hier auch bei uns nach oben geht:

Besonderes Augenmerk verdient dabei die vermeintlich kleinere Kurve. Sie zeigt, wie viele Infizierte auf 100.000 Einwohner kommen (Inzidenz). Das sind inzwischen knapp 57 im Hochsauerlandkreis, ein Wert, der im Vergleich mit anderen Regionen, Land und Bund besonderes Gewicht hat:

Was sollen und müssen uns diese Zahlen sagen? Es ist eine Momentaufnahme und ein Blick in die Vergangenheit, die wir nicht mehr ändern können. Sie sollen aber untermauen, dass wir jetzt alle gefordert sind, freiwillig und durch umsichtiges Verhalten den Trend umzukehren und nicht zu warten, bis eventuell Ausgangsbeschränkungen als letztes Mittel vom Staat verhängt werden.

Mut sollte uns dabei machen, dass wir zwar keine heile, aber im Sauerland eine Welt haben, die uns gute Rahmenbedingungen, insbesondere in der Gesundheitsversorgung und öffentlichen Verwaltung bietet, um die außergewöhnlichen Herausforderungen der Corona-Pandemie gemeinschaftlich zu meistern.

Zum Schluss noch der Hinweis, dass dieser Kommentar natürlich meine subjektive Sicht der Dinge ist. Die von mir erstellte Grafik und Tabelle basieren auf den von den jeweiligen öffentlichen Körperschaften auf ihren Internetseiten veröffentlichen Zahlen (Letztes Update: 17:00 Uhr am 23. März 2020), denen sicher Glauben geschenkt werden darf, im Gegensatz zu vielem anderen, was derzeit so alles in den digitalen Medien an Halbwissen und purem Quatsch kursiert.